Über eine Zahnbürste, ein Feuerpferd und die Frage, warum uns die Zeit gerade davonrennt.
Mir ist da letztens etwas beim Zähneputzen aufgefallen.
Ich habe eine elektrische Zahnbürste. Die läuft zwei Minuten. Immer.
Zwei Minuten sind zwei Minuten. Eigentlich.
Denn manchmal stehe ich morgens im Bad, putze meine Zähne und bin tatsächlich bei dem, was ich gerade mache. Ich merke, wo die Zahnbürste gerade ist, wie sie sich anfühlt, höre das Wasser rauschen.
Und dann können zwei Minuten erstaunlich lang sein.
Nicht unangenehm lang. Einfach … zwei ganze Minuten.
Und dann gibt es die anderen Morgen. Da stehe ich genauso im Bad. Mit derselben Zahnbürste. Dieselben zwei Minuten.
Nur bin ich eigentlich gar nicht da.
Ich bin schon beim ersten Termin. Denke daran, was ich noch einkaufen muss. Mir fällt eine Nachricht ein, die ich unbedingt beantworten wollte. Dann bin ich kurz bei heute Mittag, anschließend schon beim Nachmittag und wahrscheinlich auch noch einmal bei irgendwas, das gestern passiert ist.
Und plötzlich: Brrrr. Fertig. Zwei Minuten vorbei.
Und irgendwann dachte ich: Moment mal.
Wenn sich schon zwei Minuten so unterschiedlich anfühlen können – was machen wir dann eigentlich mit unseren ganzen Tagen?
Denn vielleicht geht es euch gerade ähnlich.
Ich habe momentan wirklich das Gefühl, die Zeit rennt.
Wobei – rennt trifft es eigentlich gar nicht. Sie galoppiert.
Montag. Kurz nicht aufgepasst. Freitag.
Ein neuer Monat beginnt und gefühlt habe ich gerade erst den letzten angefangen.
Und manchmal möchte ich meinem eigenen Leben fast hinterherrufen:
Warte mal kurz. Ich komme ja gar nicht hinterher.
Und da wären wir beim Feuerpferd.
2026 ist in der chinesischen Astrologie das Jahr des Feuerpferdes. Und wenn man sich mit der astrologischen Bedeutung dieses Jahres beschäftigt, begegnen einem immer wieder Themen wie Bewegung, Dynamik, Veränderung, Kraft, Vorwärtsdrang.
Anfang des Jahres habe ich öfter gelesen, dass dieses Jahr Fahrt aufnehmen könnte.
Und ich weiß nicht, wie es euch geht. Aber ich finde: Das Feuerpferd liefert.
Vielleicht sogar ein bisschen zu zuverlässig.
Und was machen wir normalerweise, wenn uns das alles zu schnell wird?
Wir versuchen zu entschleunigen.
Mehr Achtsamkeit, mehr Pausen, mehr Me-Time, weniger Handy, meditieren wäre auch noch gut, bewusster essen, langsamer machen.
Und versteht mich nicht falsch: Das sind alles gute Dinge.
Nur … wir wissen doch auch, wie das manchmal endet.
Ausgerechnet das Entschleunigen wird zum nächsten Punkt auf unserer Liste.
Ich müsste wirklich mal wieder mehr für mich tun.
Ich sollte morgens nicht direkt ans Handy.
Eigentlich wollte ich doch wieder meditieren.
Ich müsste viel achtsamer sein.
Und schwupps.
Stresst uns sogar der Versuch, weniger gestresst zu sein.
Das kann es doch irgendwie auch nicht sein.
Und deshalb frage ich mich mittlerweile:
Was, wenn die Antwort auf eine schnelle Zeit gar nicht unbedingt Langsamkeit ist?
Was, wenn wir gar nicht ständig versuchen müssen, dieses Pferd zu bremsen?
Vielleicht dürfen wir sogar ein Stück weit mitlaufen.
Wenn gerade Energie da ist – nutzen wir sie.
Wenn Dinge ins Rollen kommen – lassen wir sie rollen.
Wenn eine Idee plötzlich da ist – warum eigentlich nicht machen?
Wenn Veränderung anklopft – vielleicht nicht automatisch erst einmal die Tür zuhalten.
Denn Tempo ist ja nicht automatisch schlecht. Bewegung auch nicht. Und Veränderung schon gar nicht.
Vielleicht kann diese Zeitqualität sogar richtig gut sein, wenn wir lernen, mit ihr zu gehen, statt permanent gegen sie anzukämpfen.
Nur gibt es da einen kleinen Haken.
Und damit wären wir wieder bei meiner Zahnbürste.
Denn es macht einen Unterschied, ob ich mit meiner Zeit mitgehe – oder ob meine Zeit mich einfach mitzieht.
Vielleicht ist nämlich gar nicht das Tempo unser eigentliches Problem.
Vielleicht ist es unsere Abwesenheit.
Wir sind ständig irgendwo. Nur erstaunlich oft nicht da, wo wir gerade sind.
Unser Körper steht morgens unter der Dusche – der Kopf sitzt schon im Auto.
Wir essen Mittag – und überlegen, was heute Abend noch erledigt werden muss.
Wir sitzen mit jemandem zusammen – und sind gedanklich schon wieder bei irgendetwas anderem.
Wir liegen abends auf dem Sofa – und organisieren innerlich schon morgen.
Und das Verrückte daran ist: Wir machen das ja meistens, weil wir versuchen, alles im Griff zu haben.
Wir planen, organisieren, denken voraus, schreiben Listen. Wir versuchen, möglichst effizient zu sein. Eigentlich alles, damit wir Zeit sparen.
Damit wir nachher mehr davon haben.
Und trotzdem sitzen wir irgendwann da und denken:
Wo ist eigentlich meine ganze Zeit geblieben?
Vielleicht haben wir sie gar nicht verloren. Vielleicht haben wir nur einen ziemlich großen Teil davon nicht richtig mitbekommen.
So wie meine zwei Minuten morgens im Bad.
Die waren ja da. Ich war es nur nicht.
Und jetzt könnte man natürlich wieder sagen: Na gut, dann müssen wir eben mehr im Hier und Jetzt leben.
Aber nee. Dann haben wir schon wieder ein Müssen daraus gemacht.
Und ich möchte wirklich nicht, dass wir am Ende eines ohnehin vollen Tages auch noch im Bett liegen und denken: Verdammt. Heute war ich schon wieder nicht achtsam genug.
Vielleicht darf es viel leichter sein.
Vielleicht müssen wir nicht lernen, jeden Moment ganz bewusst wahrzunehmen.
Das wäre doch auch völlig unrealistisch.
Vielleicht reicht es, wenn wir uns zwischendurch einfach mal wieder selbst einholen.
So ein: Ach guck. Ich bin schon wieder bei heute Nachmittag.
Und dann komme ich zurück.
Zu meiner Zahnbürste.
Zum Kaffee.
Zu meinem Gegenüber.
Zu diesem völlig normalen Mittwochmorgen.
Ohne Übung, ohne Timer, ohne dass ich daraus direkt eine neue Routine machen muss.
Und wahrscheinlich bin ich fünf Minuten später gedanklich schon wieder irgendwo anders. Na und?
Dann komme ich eben irgendwann wieder zurück.
Denn vielleicht geht es gar nicht darum, die Zeit besser zu beherrschen. Vielleicht geht es vielmehr darum, dass sie nicht ständig uns beherrscht.
Dass wir ihre Geschwindigkeit nutzen können, wenn sie uns gerade guttut.
Dass wir mitgehen können, wenn etwas Fahrt aufnimmt.
Dass wir diese Energie sogar genießen dürfen.
Aber dass wir dabei eben nicht vergessen, selbst noch da zu sein.
Vielleicht brauchen wir also gerade gar nicht noch mehr Entschleunigung.
Vielleicht brauchen wir auch keine weitere Aufgabe, die uns sagt, wie wir unser Leben jetzt noch ein bisschen besser, bewusster oder achtsamer führen sollen.
Vielleicht dürfen wir einfach wieder öfter bei unserem eigenen Leben auftauchen.
Auch wenn es schnell ist. Auch wenn gerade viel passiert. Auch wenn das Feuerpferd galoppiert. Es darf galoppieren. Wir dürfen sogar Spaß daran haben.
Wir sollten nur ab und zu schauen, ob wir eigentlich noch selbst die Zügel in der Hand haben.
Und morgen früh?
Da läuft meine Zahnbürste wieder zwei Minuten.
Nicht länger. Nicht kürzer.
Aber vielleicht bin ich bei ein paar Sekunden davon tatsächlich da.
Und irgendwie glaube ich, dass genau da mehr Zeit anfängt.


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